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Virtuelles
Leben im Internet
Was ist ein virtuelles Leben im Internet
eigentlich? Diese Frage lässt sich nicht leicht
beantworten – schließlich ist ein gewisser Teil
des Lebens der meisten Menschen inzwischen
zumindest zum Teil virtuell: Wir surfen auf
Webseiten, statt ein Buch zu lesen, schreiben
E-Mails statt Briefe und gehen inzwischen sogar
schon virtuell einkaufen.
Doch ist der Begriff virtuelles Leben im
Internet noch etwas anders besetzt: Als
virtuelles Leben wird eine Identität
bezeichnet, die wir im Schutze der Anonymität
des Internets aufbauen, und das kann auf
unterschiedlichste Weise geschehen: Die meisten
von uns haben schon einmal einen Chatroom
benutzt, um auf diesem Wege zu kommunizieren
und andere Menschen kennenzulernen. Die
Bedingungen hierzu sind jedoch deutlich anders,
als zum Beispiel auf einer Party: Das Gegenüber
sieht einen nicht – der erste, instinktive
Eindruck fehlt, den man von einem anderen
Menschen erhält, wenn man ihn das erste Mal
sieht. Der einzige Anhaltspunkt ist der
Nickname des anderen Chatters, und den durfte
dieser frei wählen.
Überzeugte Chatter argumentieren, auf diese
Weise würde man Menschen viel besser
kennenlernen können, weil man eben nicht von
Äußerlichkeiten abgelenkt sei. Auf der anderen
Seite fällt es den meisten von uns im Chatroom
auch ungleich einfacher, sich zu verstellen:
Wer will schon am Wochenende andere Leute mit
seiner langweiligen Arbeit oder seinen
Figurproblemen nerven? Stattdessen erfindet man
einfach etwas, was zwar immer noch glaubwürdig
klingt, aber sich besser anhört als die
Wahrheit. Sei es aus Bequemlichkeit, als
Schutz, um nicht zu viele Informationen über
sich selbst preiszugeben oder auch einfach, um
sich selbst interessanter zu machen: Es ist ein
weitverbreitetes Phänomen, dass Menschen sich
ein virtuelles Leben gerade auch in Chatrooms
aufbauen (und seien es nur erfundene
Körpermaße).
An anderer Stelle wird das virtuelle Leben im
Internet auf eine ganz neue Stufe gestellt: In
bestimmten Gruppen wird die Erstellung einer
virtuellen Identität nicht nur akzeptiert,
sondern gewünscht oder gar verlangt: nämlich
überall dort, wo jeder Benutzer sich ein
solches virtuelles Leben im Internet aufgebaut
hat. Sei es, weil im Rahmen einer Mikronation
ein Staat simuliert werden soll (und in einem
fiktiven Staat können sich ja schlecht reale
Bürger tummeln), oder auf andere Weise ganz
bewusst eine virtuelle Realität geschaffen
wird, um darin abzutauchen, oder auch einfach
nur seiner Fantasie freien Lauf zu lassen. Hier
kann und soll man, innerhalb gewisser Regeln,
eine völlig neue Identität erschaffen, und im
Folgenden über einen längeren Zeitraum in ihre
Rolle schlüpfen – auch diese Weise entsteht
nach und nach ein virtuelles Leben im Internet,
welches zwar vom realen Leben getrennt ist,
aber dennoch ein Teil des realen Lebens. Denn –
um beim Beispiel der Mikronation, einer
virtuellen Simulation eines Staates zu bleiben
– eine solche Identität wird nicht einfach nach
kurzer Zeit wieder abgelegt, sondern im
Idealfall über Monate oder gar Jahre immer
weiter ausgebaut. Der Sinn und Zweck des Ganzen
besteht ja darin, dass man über einen längeren
Zeitraum in dieses virtuelle Leben schlüpfen
kann, um mit anderen „Zweitleben“ in Kontakt zu
treten.
Doch das fällt manchen Menschen auf diesen
meist rein textbasierten Plattformen recht
schwer, weshalb sich in neuerer Zeit auch
Möglichkeiten erschaffen wurden, mittels
grafischer Oberflächen ein viel breiteres
Benutzerspektrum anzusprechen. Ein Beispiel
hierfür ist, wie der Begriff „Zweitleben“ schon
nahelegte: Second Life. Aber auch andere,
ähnlich gestaltete Programme werben inzwischen
um die Gunst der Mitspieler. Ziel dieser
Programme ist es, dem Benutzer die Möglichkeit
zu geben, ein völlig eigenständiges Leben zu
führen, welches sich nur im Internet, also im
virtuellen Raum abspielt. Dabei ist es möglich,
seinen „Avatar“, die virtuelle Verkörperung des
Ichs, beinahe völlig frei zu gestalten. Noch
nicht einmal die Beschränkung auf menschliche
Formen existiert: Der Benutzer ist in der
Gestaltung seines zweiten Lebens völlig frei:
von der Optik bis zu den Aktivitäten.
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